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Literaturtipp

Juli 2011

Egoistischer Umweltretter. 

Sonnenenergie trifft schwarzen Humor in Ian McEwans neuestem Roman "Solar“.

Von Constance Bartz (BU09a)

Michael Beard, ein 53jähriger Physiker, ist klein, glatzköpfig, faul und fett und lebt vom verblassenden Ruhm seines Nobelpreises. Als er die Forschungsergebnisse eines jungen Kol­legen zur künstlichen Photosynthese als seine eigenen ausgibt, wird er zur Galionsfigur in der Klimawandeldebatte. Ihn leitet jedoch nicht der Wunsch, die Welt zu verbessern, sondern ihm geht es darum, sein Einkommen aufzustocken und seinen alten Ruhm wiederzuerlangen. Pri­vat kreisen seine Gedanken zunächst hauptsächlich um seine ge­scheiterte fünfte Ehe. Nach­dem er seine Frau in fünf Jahren mit nicht weniger als elf Gelieb­ten betrogen hat, hat diese sich nun ihrerseits einen Liebhaber angeschafft. Beard hält sich nun statt einer Ehefrau eine Langzeitgeliebte, doch auch ihr ist er nicht treu.   

Als Beard kurz davor steht, sein Versuchsmodell zur künstlichen Photosynthese an den Start zu bringen, holt ihn sowohl privat als auch beruflich seine Ver­gangenheit ein. Von nun an wird deutlich, wie alles immer schneller auf eine unvermeidliche Konfrontation zusteuert.    

Es ist sicherlich nicht einfach, den Leser mit einem so unsympathischen, selbst bezogenen, hässlichen und untreuen Romanhelden zu fesseln. Aber Ian McEwan meistert diese Schwie­rigkeit auf eindrucksvolle Art und Weise. Und so fiebert man bis zum Schluss mit, ob es Beard schafft, die Welt zu verbessern – oder wenigstens sein Privatleben zu ordnen.  

 

Ian McEwan: Solar, aus dem Englischen von Werner Schmitz, Diogenes, Zürich 2010, 405 Seiten, 21,90 €, ISBN 9783257067651

Juni 2011

Wir sind dann mal weg.

"Legendäre Reisen im Mittelalter“ entführt in eine längst vergangene Reisekultur.

Von Julia Kerschat

Reisen war zur Zeit des Mittelalters ein mühseliges Unterfangen, dem man sich nur aussetzte, wenn es unbedingt sein musste. Das von den renommierten Historikern F. Novoa Portela und F.J. Villalba Ruiz de Toledo herausgegebene Buch "Legendäre Reisen im Mittelalter“ setzt sich mit den spezifischen Beweggründen auseinander, warum die Menschen jener Zeit reisten, und beschreibt die geographischen Grundlagen, die das Reisen ermöglichten, sowie die technischen Erfindungen, die es vereinfachten.

Zudem befasst sich das Werk mit Einzelpersönlichkeiten wie etwa John Mandeville, dem Verfasser eines Handbuchs für Handelsreisende, oder Marco Polo, der als Entdecker Asiens gilt. Darüber hinaus sind im gesamten Buch Minibiographien zu finden. Ein weiterer Themenkomplex beschäftigt sich mit dem Orient und dem Umstand, dass diese Weltregion damals, sehr im Unterschied zu heute, geradezu die Pflanzstätte der Wissenschaften und insbesondere auch der Medizin war. Neben militärisch geprägten Reisen, z.B. den Kreuzzügen, werden dem Leser auch die fürs Mittelalter besonders typischen Pilgerreisen näher gebracht, denn nach mittelalterlichem Verständnis war der Mensch "ein Wanderer, der zur himmlischen Heimat wandert“. Abschließend befasst sich das Buch noch mit den politisch motivierten Reisen der damaligen Zeit.

Das eigentliche Highlight sind jedoch die über 180 prachtvollen Bilder, die einen mit großer Anschaulichkeit in die mittelalterliche Reisewelt entführen. Alles in allem empfiehlt sich "Legendäre Reisen im Mittelalter“ als ein sehr informatives Buch, das den Leser mitnimmt auf eine Reise in längst vergangene Zeiten, fernab von Flugverkehr und Sauftourismus.

Joacquin M. Cordoba Zoilo (u.a.): "Legendäre Reisen im Mittelalter", Bildband, Theiss Verlag 2008, 234 Seiten, 49,90 Euro, ISBN: 9783806222005

 

Mai 2011

Warum?

 "19 Minuten" - Jodi Picoults bewegender Roman über den Werdegang eines Amokläufers

Von Corinna de Jong (BU08a)

"Und wenn du groß bist – dann wirst du etwas ganz Besonderes sein ... Eines Tages, Peter, wird womöglich jeder deinen Namen kennen.“ Das sagte Lacy Houghton zu ihrem etwa achtjährigen Sohn. Damals konnte sie noch nicht wissen, wie Recht sie haben würde. Als Pe­ter Houghton 17 Jahre ist, läuft er in seiner Schule in New Hampshire Amok. Nach 19 Minuten ist alles vorbei. Zehn Menschen werden getötet und etliche verletzt. Hunderte sind von der Tat betroffen, Eltern, Lehrer, Schüler, Verwandte und Freunde.

Warum hat Peter das getan?

Die Antwort könnte ja so leicht sein: Er ist eben einfach ein irrer Killer. So ist es aber nicht. Das wird schnell klar, wenn man Jodi Picoults Psychogramm "19 Minuten“ liest, das ange­sichts schrecklicher Ereignisse der letzten Jahre auch in Deutschland brennend aktuell ist. Mit diesem Werk schafft es die Autorin, ein sehr komplexes Thema auf ebenso eindringliche wie bravouröse Weise zu verarbeiten. Dabei verurteilt sie niemanden, sondern ist immer versucht, eine Antwort auf das Warum zu geben, ohne ins Klischeehafte abzudriften.

Wie es Picoult gelingt, die tragischen Verflechtungen von Ereignissen und Personen zu ent­falten und ohne falsche Scheu die Biografien von Täter und Opfern vor ihren Lesern auszu­breiten, ohne das letztlich Unerklärliche dieser Bluttat erklärbar machen zu wollen, das ist nichts anderes als meisterhaft.

Jodi Picoult: "19 Minuten“, Roman, Pieper Verlag 2009, 480 Seiten, 8,95 €, ISBN: 9783492253987

 

April 2011

Reise ins Leben.

Edgar Rais federleichter Roadtrip "Nächsten Sommer“.

Von Mirjam Wüstnienhaus (BU08a)

Vier Freunde, alle Ende 20, sind jeder auf seine Art bereits im Alltag gefangen oder auf dem Absprung in ein neues Leben: Da ist zum einen Marc, Musiker und Lebens­künstler. Dann Felix, der ohne Ausbildung oder festen Job in einem Wohnwagen haust. Fer­ner Zoe, die, bereits im Berufsleben stehend, ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Chef hat. Und schließlich noch Bernhard, der nicht nur leicht neurotisch, sondern auch unglücklich in Zoe verliebt ist. Ihr gemeinsamer running gag ist der Spruch "Nächsten Sommer“ als Formel für: "Das wird so schnell nicht passieren“.

Als Felix überraschend das Haus seines Onkels in Frankreich erbt, steht er vor einer Entscheidung: Soll er gehen oder bleiben? In Deutschland hält ihn nichts, nach einer traumatischen Kindheit hat er, so scheint es, sich nie im Leben zurechtgefunden. Sein bester Freund Marc ist das komplette Gegenteil von ihm, spontan, lebensbejahend und mit einem festen Plan: Er ist aus Leib und Seele Musiker und wird bald auf Tour gehen. Als die beiden beschließen, die viel­leicht letzte große gemeinsame Fahrt zu wagen, sind nach kurzem Zögern auch Zoe und schließlich auch Bernhard mit von der Partie. Zunächst ist Zoe allerdings doch nicht da­bei, denn sie wird von ihrem Lieb­haber unter einem Vorwand zum Bleiben überredet. Auf der Reise müssen sich die restlichen drei, die unterschiedlicher nicht sein könnten, arrangie­ren. Unterwegs gabeln sie die selbst­bewusste und freche Studentin Lilith auf, die aussieht wie Scarlett Johannson und nach einer zerbroche­nen Beziehung zu ihrer Professorin zu ihrer Schwester flieht. Diese Mischung ist natürlich explosiv, erst recht, als Zoe endlich doch noch dazu stößt. Während der Reise offen­baren sich nie geahnte Konflikte, brechen alte Wunden auf, und die Akteure müssen sich den Fragen stellen, vor denen sie eigentlich weglaufen wollten. Am Ende kommt alles anders, als man denkt.

Ein Buch, das so leicht am Leser vorbeiweht wie ein Sommerwind und dennoch nachhallt. Rais poetische Art zu erzählen schmerzt und tröstet zugleich, und es bleibt das Versprechen: Nächsten Sommer. Unbedingt empfehlenswert.

Edgar Rai: "Nächsten Sommer“, Gustav Kiepenheuer Verlag 2010, 16,95 €, 224 Seiten, ISBN: 978-3-378-00696-6

 

Februar 2011

Simplify your life!

Marie- Aude Murails "Simpel“ ist ein lebenskluges Buch, das zugleich warmherzig und humorvoll ist.

Von Sabrina Sauer (BU08a)

Niemals hätten die vier Pariser Studenten damit gerechnet, dass einer der Mitbewohner, die sie für ihre WG suchen, eine geistige Behinderung hat, wodurch sich das Zusammenleben al­les andere als "simpel“ gestaltet. Barnabé, genannt Simpel, ist zweiundzwanzig, steht aber auf dem geistigen Niveau eines Dreijährigen. Seine Mutter ist schon früh verstorben, und sein Vater hat ihn aus seinem Leben gestrichen und in die Psychiatrie gesteckt, aus der ihn sein 17-jähri­ger Bruder Colbert wieder herausholt. Als es nicht klappt, bei Verwandten unterzukom­men, stellen sich die beiden in einer 4er-WG vor, die sie teils aus Neugier, teils aus Mitleid auf­nimmt.

Marie-Aude Murail beschreibt in ihrem Roman "Simpel“ auf einfühlsame und humorvolle Weise das Leben dieser außergewöhnlichen Wohngemeinschaft. Jeder der jungen Leute ist mit Prob­lemen beschäftigt, die das Leben so mit sich bringt. Ihr Alltag ändert sich jedoch durch Sim­pel grundlegend, der seine Mitbewohnerin beim Duschen überrascht, jedem seine Meinung ungefragt mitteilt und keinerlei Privatsphäre kennt. Dennoch weckt seine lie­benswür­dige und naive Art mit der Zeit die Sympathie seiner Mitmenschen - und auch die des Lesers. Zu Recht wurde Murail für "Simpel“ 2006 mit dem "Prix de lycéens allemands“ aus­gezeich­net. Die Autorin schafft es, eine schwierige Thematik in einem locker geschriebenen Jugend­roman zu verarbeiten, dessen authentische Erzählweise die Gefühlswelten und manchmal fast schon ir­real wirkenden Lebensumstände der jungen Protagonisten facetten­reich und lebensnah dar­stellt. Und doch grenzt es ein wenig an ein Wunder, dass sich schließ­lich alle einig sind: "Das Leben ist seltsam [...]. Vor zwei Wochen ging Simpel mir auf die Nerven. Jetzt ist er wie ein Bruder.“

Marie-Aude Murail: "Simpel“, Fischer Taschenbuch 2009, 304 Seiten, 7,95 €, ISBN: 978-3-596-806492

Januar 2011

Sizilien, Mafiaclans und ganz große Gefühle.

Kai Meyers spannender Roman "Arkadien erwacht“ verbindet Fantasy mit Realismus.

Von Rabea Krischer (BU08a)

Eine Reise in das sonnige Sizilien – für die meisten Menschen klingt dies nach Urlaub und Er­holung. Doch nicht so für die 17-jährige Rosa! Das junge Mädchen, gebürtige Italienerin, aber in Amerika aufgewachsen, flieht vor ihrer Vergangenheit zu ihrer Schwester und Tante. Doch was sie anfangs noch nicht weiß, ist, dass ihre Familie der Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia, angehört. Noch im Flugzeug schließt die schüchterne und verschlossene Rosa Bekannt­schaft mit Alessandro Carnevare, zu dem sie sich sofort hinge­zogen fühlt. Und so nimmt das Drama seinen Lauf. In Sizilien angekommen, erfährt Rosa näm­lich, dass Alessandro ebenfalls der Cosa Nostra angehört und dass eine uralte Feindschaft zwi­schen den Clans der beiden Ju­gendlichen herrscht. Dies hindert sie aber nicht, sich weiter­hin zu­treffen. Bald erkennt Rosa, dass es auf der Insel nicht nur um illegale Geschäfte und Ma­fiabosse geht, sondern auch um ein Jahr­hunderte altes Familiengeheimnis! Denn nach und nach wird of­fenbar, dass sowohl Rosa als auch Alessandro dem uralten Geschlecht der Arkadier ent­stammen, die durch heftige Gefühlsschwan­kungen ihre Gestalt in eine schwarze Bestie verwandeln können ...

Kai Meyers spannend erzählter Auftakt zu seiner "Arkadien-Trilogie“ ist keine abgedroschene Romeo-Julia-Geschichte – ganz im Gegenteil! Meyer ist es gelungen, einen schlichten, ohne Kitsch und große Worte auskommenden Roman zu kreieren, der Fantasy und Realismus vereint und beim Leser am Ende der Lektüre den Wunsch nach mehr erwachen lässt!

Kai Meyer: "Arkadien erwacht“, Carlsen 2009, 19,90 € , 416 Seiten, ISBN 978-3551582010

Dezember 2010

Welt aus dem Gleichgewicht.

Colum McCanns ergreifender Roman über das Leben in New York.

Von Moritz Wörner (BU08b)

1974 balanciert der Hochseilartist Philippe Petit auf einem Drahtseil zwischen den Türmen des World Trade Centers. Diese Darbietung, eine der wohl größten artistischen Leistungen al­ler Zeiten, bietet die Rahmenhandlung für die einzelnen, sich immer wieder überschneidenden Ge­schichten, die sich in den Häuserschluchten New Yorks abspie­len. Während dort unten das Gleichgewicht der Welt für die einzelnen Akteure schon aus den Fu­gen zu geraten scheint, meis­tert der Seiltänzer in schwindelnder Höhe seine Aufgabe anmutig und mit fast spieleri­scher Leichtigkeit.

Sei es ein selbstloser irischer Mönch, der in der Bronx im Zweifel über seine Bestimmung ist, sei es die wohlhabende Claire, die ihren verstorbenen Sohn betrauert, oder die Prostitu­ierte Tillie, die ei­nem Leben hinterher träumt, das sie nie bekommen wird: mit viel Gefühl er­zählt Mc­Cann von dem Drahtseilakt, den ein jeder täglich aufs Neue bewältigen muss, von den Hö­hen und Tie­fen des Lebens, von Zuversicht und Zweifel, die sich unter der Oberfläche des All­tags abspielen. Und das alles unter dem ständig wiederkehrenden Schatten dieses unwirk­lich erscheinenden und wunderschönen Schauspiels unter dem Himmel der Stadt.

Colum McCann: "Die große Welt", Roman, gebunden, Reinbek: Rowohlt 2009, 537 Seiten, 19,90 €, ISBN 978-3498045111

November 2010

Künstliche neue Welt.

In ihrem faszinierenden Roman "Skinned" wirft Robin Wasserman den Blick in eine erschreckende Zukunft.

Von Stefanie Hausmanns (BU08b)

Lia Kahn ist eine junge, attraktive und allseits beliebte Schülerin, die eines Tages einen schweren Unfall erleidet. Lia – ist sie tot oder hat sie überlebt? – wird in einen künstlichen Körper gesteckt. Danach fühlt sie noch genauso wie zuvor, hat auch noch denselben Verstand, aber ihre Sinneswahrnehmung und alle weiteren Eigenschaften sind passé. Insbesondere die Sterblichkeit. Sobald ihr Körper verschlissen ist, bekommt sie laut Herstellergarantie einen neuen. Wie wird ihre Umgebung mit diesem Resultat eines hoch entwickelten medizinisch-technischen Fortschritts zurechtkommen? Was sagen besonders ihre Eltern, die diese Ent­scheidung ja schließlich für sie getroffen haben? Wie reagieren ihre Freundinnen und vor al­lem ihr Freund? Akzeptiert sie sich überhaupt selbst? Betrachtet sie sich überhaupt noch als einen Menschen oder empfindet sie sich nicht vielmehr als einen Roboter?

Robin Wassermans "Skinned" ist ein Buch, das nicht nur für Science-Fiction-Leser interes­sant ist. Denn es ist eine Geschichte, die auch dazu anregt, seinen eigenen Standpunkt zu den Problemen eines ungezügelten wissenschaftlich-techni­schen Fortschritts zu klären. In jedem Falle aber ist es eine spannende Lektüre!

Robin Wasserman: "Skinned“, aus dem Amerikanischen übersetzt von Claudia Max, Script 5 (Loewe) 2010, 376 Seiten, 16,90 €, ISBN: 978-3-8390-0106-6

 

Oktober 2010

"Flieg, Anton, flieg!“

Max Urlachers berührender Roman "Rückenwind – Eine Liebesgeschichte“.

Von Marina Gielke (BU09b)

Obwohl beide nicht unterschiedlicher sein könnten, sind Anton und Tobias seit frühester Kindheit die besten Freunde. Da Tobias dieses "gewisse Etwas“ besitzt, das ihn stets im Mit­telpunkt stehen lässt, bleibt der schüchterne Anton oft in seinem Schatten. Doch Antons Frust darüber währt nie lange, fühlt er sich zusammen mit seinem besten und einzigen Kumpel doch unver­wundbar. Anton will Schauspieler werden, Tobias hingegen strebt eine Fußballerkar­riere an. Gemeinsam werden sie erwachsen. Im Alter von sechs Jahren "fliegen“ sie noch auf dem Ga­ragendach von Opa Fitz, mit 15 dann nach Korfu, um endlich "richtige Männer“ zu werden. Später teilen sie sich eine Wohnung und verraten sich alle ihre Gedanken und Ge­heimnisse. Wirklich alle? Nachdem Anton von Samar, seiner großen Liebe, im Stich gelassen worden ist, ver­schwindet auch Tobias unerwartet aus seinem Leben. Zunächst von aller Hoff­nung ver­las­sen, begibt sich Anton auf die Suche nach den beiden Menschen, die er am meis­ten liebt. Wird er sie finden? Und wird alles so wie früher sein?

Die kurzen Kapitel und die einfach gehaltene, aber lebhafte Sprache machen diesen Liebes­roman der besonderen Art gut lesbar. Die ge­fühlvolle und zugleich lustige Geschichte zweier Freunde, die das wahre Leben erfahren wollen, ist vor allem Jugendlichen wärmstens zu emp­fehlen.

Max Urlacher: "Rückenwind - Eine Liebesgeschichte“, Droemer/Knaur 2010, 8,95 €, 332 Seiten, ISBN 978-3-426-50523-6

September 2010

Spross der Finsternis.

Guillermo del Toros und Chuck Hogans "Die Saat“.

Von Felix Urban (BU08a)

Eigentlich wollte Ephraim Goodweather, seines Zeichens Chef des New Yorker Seuchenprä­ventions­teams, nur ein schönes Wochenende mit seinem Sohn verbringen. Doch wie so oft im Leben kommt natürlich alles ganz anders. Eph wird zum New Yorker JFK Airport geordert, wo er ein kürzlich gelandetes Flug­zeug untersuchen soll. Kein Funk, keine Elektrizität, kein Lebenszei­chen – nichts deutet auf Überlebende hin. Das Bild, das sich Eph und seinem Team in der Boeing 777 bietet, ist ungeheuerlich. Die Passa­giere scheinen nur zu schlafen und bis auf ei­nen kleinen Schnitt am Hals unversehrt zu sein. Auf der Suche nach der Todesursache stoßen Eph und sein Team auf ein uraltes Geheimnis, das die Menschheit zu verschlingen droht…

Dem spanischen Regisseur Guillermo del Toro, der so erfolgreiche Vampir- und Fantasyfilme wie „Pans Labyrinth“ und "Blade II“ geschaffen hat, und seinem amerikanischen Koautor Chuck Hogan („Endspiel“) ist mit „Die Saat“ der äußerst temporeiche und packende Auftakt zu einer Trilo­gie gelungen, der den Leser fesselt und zudem gespannt auf die Fortsetzungs­bände warten lässt.

Guillermo del Toro, Chuck Hogan: "Die Saat“, 528 Seiten, Heyne Verlag, 2009, 19,95 €, ISBN: 978-3453266391

Juni 2010

"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“

David Safiers "Plötzlich Shakespeare“ ist eine hinreißend witzige Lovestory.

 Von Jenny Schmidt (BU08b)

Rosa ist Grundschullehrerin und bezeichnet sich selbst als "sowas von einem Frauenklischee“. Un­zufrieden mit ihrem Job und ihrem Körper und obendrein unglücklich verliebt, begibt sie sich in die Hände eines dubiosen Zirkushypnotiseurs, der sie in ihr früheres Seelen-Ich versetzt und fortan als niemand Geringeres als William Shakespeare persönlich durchs London des 16. Jahrhunderts wan­deln lässt. Zurück darf sie erst wieder, wenn sie weiß, was wahre Liebe bedeutet. Gar nicht so ein­fach, denn Shakespeare hat nicht nur Freunde, sondern auch jede Menge Feinde, die ihm ständig ans Leder wollen.

Der Autor David Safier arbeitete zunächst als Journalist und Drehbuchautor. Aus seiner Feder stammen die Drehbücher diverser TV-Serien, wie zum Beispiel "Nikola“, "Berlin, Berlin“ und "Mein Leben und ich“, für die er unter anderem den Deutschen Fernsehpreis und den Emmy erhielt. "Plötzlich Shakespeare“ ist Safiers dritter Roman. Seine Vorgänger "Mieses Karma“ und "Jesus liebt mich“ verkauften sich millionenfach und standen wochenlang in den deutschen Best­sellerlis­ten.

Sein neues Werk bezeichnet der Erzähler selbst zu Beginn als "historisch beein­dru­ckend un­fun­diert“. In der Tat darf man hier keine historisch korrekten Fakten erwarten, dafür aber eine gehö­rige Portion Witz, Spannung und Gefühl. Eine zum Schreien komische Liebesge­schichte.

David Safier: "Plötzlich Shakespeare“, Kindler Verlag, Reinbek 2010, 314 Seiten, gebunden, 17,95 €, ISBN: 978-3-463-40553-7

Mai 2010

Liebe, Literatur, Lust und Lügen.

Wolfram Fleischhauers grandioser Roman "Der gestohlene Abend“.

Von Kristin Harnisch (BU08B)

Matthias ist ein Berliner Literaturstudent im fünften Semester, der aufgrund eines Stipendiums an der renommierten Universität Hillcrest in Südkalifornien studieren darf. Der achtmonatige Auf­enthalt an dieser – fiktiven – Elite-Uni soll für ihn eine einsame, anstrengende, frustrierende und zugleich aufregende Zeit werden. Der Campus ist abends wie ausgestorben, neu geknüpfte Freundschaften bleiben oberflächlich, und das Studium kostet ihn viel Zeit und schlaflose Nächte, nicht zuletzt wegen eines schönen Mädchens namens Janine, das allerdings mit David, dem "Star-Studenten“ der Uni, liiert ist. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat Matthias sich eingelebt und bekommt Zutritt zum INAT, dem Institut für neue Ästhetische Theorie, in dem die Thesen von Jacques de Vander, der Leuchte der Universität, thematisiert werden. Dem INAT ge­hört auch David an, zu dessen Rivalen Matthias sich entwickelt, da er Janine, deren Be­ziehung zu David zu bröckeln beginnt, allmählich näher gekommen ist. Schließlich ist allerdings ausge­rech­net Matthias der einzige, zu dem David noch Kontakt hält. Dieser gibt Matthias ver­steckte Hin­weise auf de Vanders Theorien und lässt ihn wie zufällig einen niederländischen Zei­tungsar­tikel aus der Zeit des Nationalsozialismus übersetzen. Doch was will er damit bezwecken? Wel­che skandalösen Geheimnisse verbirgt das INAT? Und was hat es zu bedeuten, dass David von einem "gestohlenen Abend“ spricht?

Wolfram Fleischhauer ist es in seinem neuen Roman hervorragend gelungen, eine düstere, bedrü­ckende, geheimnisvolle Atmosphäre zu schaffen, die einen Sog entwickelt, dem sich der Leser kaum entziehen kann. Das Buch ist reichlich mit Bezugnahmen auf andere literari­sche Texte be­stückt, und die Vorlesungen, die Matthias besucht, werden so detailliert geschildert, dass der Le­ser sich geradezu selbst als Student fühlt und einige interessante Denkansätze aus den vorgetra­genen Themen entnehmen kann. Dabei verliert der Roman aber zu keinem Zeitpunkt an Span­nung. Der gelegentlich mit ironischen Momenten durchsetzte Schreibstil macht das Buch viel­mehr zu einem wahren Lesegenuss nicht nur für Literaturstudenten, sondern eigentlich für alle, die an Literatur interessiert sind, einen spannenden, zugleich aber auch lehrreichen Roman lesen möchten und sich dafür ein paar Stunden vom Fernseher weglocken lassen.

Wolfram Fleischauer, "Der gestohlene Abend“, Piper Verlag 2009, 9,95 €, 364 Seiten, ISBN 978-3-492-25496-0

April 2010

Kopflos in Berlin.

 

Benedict Wells’ autobiographisch geprägter Roman "Spinner“.

 Von Michelle Jelting (Bu08a)

Jesper Lier ist 20 Jahre alt und lebt in Berlin in einem Kellerloch. Nach dem Abitur war er von München in die Hauptstadt gezogen, um dort seinen ersten Roman zu schreiben, der natür­lich ein Meisterwerk werden soll. Mittlerweile ist dieses "Leidensgenosse“ betitelte Werk über tausend Seiten stark, aber ein Ende ist nicht in Sicht. An der Uni schreibt Jesper sich Semester für Semester neu ein, doch nicht, um die Alma Mater von innen zu sehen, son­dern lediglich, um Kindergeld zu kassieren. Seine Nächte schlägt er sich mit Alkohol und Schlaftabletten um die Ohren. Er ist einsam. Er hat er nur einen einzigen Freund in Berlin: Gus­tav, ein allseits beliebter, mit einer unwiderstehlichen Ausstrahlung gesegneter junger Mann, der ihn immer wieder in das Berliner Nachtleben mitschleift. Als Jespers ehemals bes­ter Freund Frank ihn bittet, ihn vor seiner spießigen Familie zu retten, ist dies der Anfang ei­ner ver­rückten Odyssee, die Jesper immer weiter in eine Traumwelt abdriften lässt.

Nach dem im letzten Jahr erschienenen erfolgreichen Debütwerk "Becks letzter Sommer“ legt der 23jährige Autor nun sein zweites Werk vor; das absolut nicht mit dem Erstling zu verglei­chen ist. Tempo­reich wird das junge Leben eines Abiturienten beschrieben, der mit dem Traum, ein berühmter Schriftsteller zu werden, strandet. Wohl jeder Mensch, der kurz vor dem Eintritt in das "echte“ Leben steht, fragt sich: "Was soll ich bloß mit meiner Zukunft an­fangen, und was ist, wenn meine Pläne schief gehen?“ Mit manchmal subtilem, oft aber auch derbem Humor und erfrischend ungekünstelt zeigt Wells uns, wie es doch lieber nicht laufen sollte. Mehr als einmal kommt beim Lesen das Bedürfnis auf, Jesper kräftig zu schütteln. Doch am Ende bleibt da der Gedanke: "Steckt nicht auch ein bisschen von diesem Chaoten in mir?“

Benedict Wells: "Spinner“, Roman, Diogenes Verlag, 2009, gebunden, 308 Seiten, 19,90 €, ISBN: 978-3-257-06717-0

März 2010

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

oder: Der Eichenkönig und das Mäd­chen.

Von Nadine Barkey (BU09b)

Sally Nicholls’ "Zeit der Geheimnisse“ erzählt die Geschichte zweier ungleicher Schwestern, deren Leben durch den Verlust der Mutter aus den Fugen gerät. Nach ihrem mehrfach ausge­zeichneten Debüt "Wie man unsterblich wird“ erscheint hiermit nun der zweite Jugendroman dieser jungen, talentierten Autorin.

Vom Vater, der sich immer mehr in seiner Trauer verliert, zu den Großeltern aufs Land ge­schickt, müssen sich Molly und Hanna immer wieder aufs Neue zusammenraufen, um in das alltägliche Leben zurückzufinden. Sally Nicholls hat hier ein wunderbares Buch über Familie, Freundschaft und die Kraft der Fantasie geschaffen. In einem sehr klaren, intelligenten Stil verfasst, ist es eine Freude nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene.

Welche Rolle der mysteriöse Eichenkönig spielt, dem Molly immer wieder begegnet, und ob es die Familie schafft, wieder zusammen zu finden, sollte jeder Leser – ob alt oder jung –selbst entdecken.

Sally Nicholls: "Zeit der Geheimnisse", aus dem Englischen von Birgitt Kollmann (Titel der Original­ausgabe: Season of Secrets), Carl Hanser Verlag München/Wien 2010, 201 Seiten, broschiert, 14,90 €, ISBN: 978-3-446-23476-5

Februar 2010

Ein intrigantes Urlaubsvergnügen.

"Sommer mit Emma“: der neue Roman des Autorinnenduos Martina Borger und Maria Elisabeth Straub.

Von Lisa Hübscher

Es soll ihr letzter richtiger Familienurlaub werden, noch einmal so richtig schön. Insbesondere hofft Luisa, während der zwei Wochen, in denen sie auf einem Hausboot durch England schippern wollen, ihrer Ehe mit Daniel wieder auf die Sprünge helfen zu können. Doch so ein Hausboot ist arg eng für zwei Erwachsene, die eine problematische Noch-Beziehung führen, einen Sohn, der sowieso viel lieber mit seinem Freund nach Frankreich wollte, einer Tochter, die lieber schreibt als redet, vor allem aber mit Emma, Daniels unehelicher Tochter aus einer längst verjährten Affäre. Diese Emma, so schön sie ist und so toll und aufregend und nett sie im ersten Moment wirkt, wird ein rätselhaft intri­gantes Biest, sobald sie ihren Willen nicht bekommt und nicht mehr im Mittelpunkt steht. Doch wie lange kann man eine kleine Gruppe auf engstem Raum manipulieren, ohne dass es zum Eklat kommt? Jedenfalls nicht so lange, wie ein Urlaub dauert …

Eine scheinbar ganz normale, einigerma­ßen harmonische Familie, zwar mit kleinen Problem­chen, aber doch gewillt, alles wieder ins Lot zu bringen. Und dann wird der Sommer mit Emma zu einem Spießrutenlauf für alle, außer für Emma, denn sie ist der Spieß. Ein aufwüh­lendes Buch, das einen richtig mitnimmt. Lektüre wird dringend empfohlen.

Martina Borger, Maria Elisabeth Straub: "Sommer mit Emma“, 402 Seiten, Diogenes Verlag 2009, 21, 95 €, 9783257067132

Januar 2010

Kurzweilig und gut

Von Tobias Sprenger (BU08a)

Bill Brysons Sachbuch "Eine kurze Geschichte von fast allem“ beschäftigt sich, wie der Titel schon vermuten lässt, ein wenig mit allem. Dies aber gelingt ihm so unvergleichli­ch witzig und geistreich, dass wirklich kein Auge trocken bleibt. Erzählt wird eine schier unglaubliche Geschichte, angefangen von dem Ursprung unseres Universums bis hin zu seinem vermutli­chen Ende. Dabei jongliert der Autor mit unvorstellbaren Zahlen, mit noch unvorstellbareren Ereignissen, würzt diese mit Anekdoten über urkomische und, man möchte manchmal mei­nen, lebensuntaugliche Wissenschaftler der verschiedensten Cou­leurs, schildert deren nur allzu menschliche Probleme und Leidenswege und erläu­tert ihre grandiosen wissenschaftli­chen Erkenntnisse, die seither unseren Lebensalltag bestimmen.

Dieses Sachbuch ist wirklich das einzige, das mir bekannt ist, dessen unerhörter Infor­mati­onsgehalt noch durch den Witz und die Originalität seines Autors übertroffen wird.

Bill Bryson: "Eine kurze Geschichte von fast allem", übersetzt aus dem Engli­schen von Se­bas­tian Vogel, Goldmann Verlag 2006, 600 Seiten, 39,95 €, ISBN 978-3442311

Dezember 2009

Das Ende einer Ära.

Mit dem Buch "Der Jukebox-Mann“ ist Ake Edwardson eine wunderbar nostalgische Geschichte gelungen.

Von Stefanie Hausmanns (BU08b)

Es ist das goldene Zeitalter der fünfziger Jahre. Johnny Bergmann, Mitte 30, ist Schwede, tro­ckener Alkoholiker und Jukeboxaufsteller. Er kennt jeden Elvis-Song auswendig. In jedem Café im Umkreis steht eine seiner kostbaren Jukeboxen. Auf seinen regelmäßigen Touren re­pariert er sie und wechselt die Platten aus. Die Jukebox steht in seinen Augen für ein bejahen­des Lebensge­fühl, für Rock’n’Roll, sie bringt Menschen zusammen. Bis die sechziger Jahre ihm zu schaffen machen. Plötzlich sitzen die Leute zu Hause mit ihren Plattenspielern und stopfen fabrikferti­gen Kuchen in sich hinein. Nun ist es an Johnny, sich zu entscheiden: Re­sig­nieren oder nach vorne schauen? Ihm wird nur mit Mühe bewusst, dass sich die Zeiten ge­än­dert haben. Aber schließlich gibt es da noch die allein erziehende Elisabeth und ihren Sohn Lennard, den er sehr gern hat. Und dann ist da ja noch sein großer Traum von Amerika.

Es herrscht eine wehmütig-melancholische Atmosphäre in dieser Geschichte, die einen in eine Zeit ent­führt, wo alles viel einfacher und schöner erschien. Man schlägt das Buch auf, und mit einem Mal sitzt man in einem altmodischem Café, schaut Johnny bei der Arbeit zu und er­fährt, wie es war, als die Nachricht von Kennedys Tod das Land erreichte.

Dieser Roman ist einfach wunderschön und bereitet sehr viel Lesefreude. Ein Muss für alle mit Hang zur Nostalgie und Liebe zur Musik.

Ake Edwardson: "Der Jukebox-Mann“, aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch, List-Verlag 2006, 8,95 €, 400 Seiten, ISBN: 978-3-548-60617-0

 

November 2009

Eine verbotene Liebe zur Mutter und Intrigen des Hofpersonals gegen den Infanten von Spanien

 

Don Carlos – Infant von Spanien Zum 250. Geburtstag des Dichters Friedrich von Schiller

Von Lisa Stiers (BU09a)

Carlos, der unglücklich in seine Stiefmutter verliebt ist, fühlt sich auf Befehl des Königs vom Hof beobach­tet und kann sich nur seinem besten Freund Posa, einem Freiheitskämpfer, anvertrauen. Dieser arrangiert ein Treffen für ihn mit der Königin, jedoch nur mit dem Hintergedanken, Carlos für seine Freiheitspläne zu ge­winnen. Neben Carlos’ persönlichen Problemen intrigieren nun auch noch drei Höflinge gegen den Thron­folger. Einerseits aus Angst, dass er gefährlich wird, wenn er an die Macht gelangt, und andererseits aus zu­rückgewiesener Liebe. Dadurch, dass die drei Höflinge von der Liebe zur Stiefmutter erfahren, haben sie sich eine besondere Intrige ausgedacht, die, mit Hilfe von anderen Verwechslungen und Carlos’ emotionalen Ausbrüchen, zu einem traurigen Ende für Carlos, aber auch für Posa führt.

Mit "Don Carlos – Infant von Spanien“ griff Friedrich von Schiller abermals auf historische Figuren zurück, wobei seine Charaktere nicht mehr viel mit den historischen Vorbildern zu tun haben. Posa dagegen ist eine der wenigen Figuren, die sich Schiller selber ausgedacht hat. Anhand seiner Charaktere erkennt man deutli­che Züge des Epochenübergangs vom Sturm und Drang zur Klassik. So veränderte er den wirklichen Don Carlos zu ei­nem sehr emotionalen Menschen, der ständig seine Meinung ändert und irrational handelt, wo­durch Carlos zum Vertreter des Sturm und Drangs wird.

Durch die angewendete Sprache ist die Lektüre nicht für jeden auf Anhieb zu verstehen, sodass man manche Wörter nachschlagen oder auch einige Dialoge zweimal lesen muss, um alles zu verstehen. Doch ansonsten ist "Don Carlos – Infant von Spanien“ eine interessante Lektüre zum Lesen, da einige Geschehnisse nicht unbe­dingt zu erahnen sind.

Friedrich von Schiller: "Don Carlos – Infant von Spanien, ein dramatisches Gedicht“, Hamburger Lesehefte Verlag, 2005, 208 Seiten, 2,50 €, ISBN: 978-3-87291-079-5

Oktober 2009

Leben im falsch montierten Chemieklo

Rayk Wieland gelungener Erstling "Ich schlage vor, dass wir uns küssen“

Von Michelle Jelting (BU08a)

Eines Tages findet Herr W. eine Einladung zu einer Podiumsdiskussion in seiner Post, bei der er über seine Erlebnisse als Untergrunddichter in der DDR erzählen soll. Leider kann er sich beim besten Willen nicht erinnern, jemals als Untergrunddichter in dem von ihm längst vergessenen Arbeiter- und Bauernstaat tätig gewesen zu sein. Bei der Einsicht in seine Stasiakte stellt er dann fest, dass damals sämtliche seiner Gedichte, die er seiner Jugendliebe gewidmet hatte, genauestens analysiert wurden und dass er als Staatsfeind unter strenger Überwachung stand.

Rayk Wieland hat mit seinem Romandebüt „Ich schlage vor, dass wie uns küssen“ ein autobiographisch geprägtes, dabei aber ganz unnostalgisches, unsentimentales Buch über die DDR, die "1989 wie ein falsch montiertes Chemieklo zusammenklappte“, geschrieben. Die Geschichte, die eine wunderbare Abwechslung zu den aktuellen Lektüren über die DDR bietet, kommt mit herrlicher Leichtigkeit daher. Die Anmerkungen eines Stasi-Oberleutnants zu Herrn W.’s Liebesbriefen und Gedichten sind keine Erfindung des Autors, aber in ihrer Dämlichkeit von geradezu bizarrer Komik. So notiert er zum Beispiel zu Shakespeares Sonett 66, das er für ein Gedicht Herrn W.s hält: "Defätistische Tendenzen / evtl. suizidale Phantasien / Feststellung evtl. nekrophiler Neigungen (…) plumpe Demagogie (…) Verhöhnung der Errungenschaften des Soz., unter Verwendung stereotyp. Parolen des Klassenfeinds (…) Sämtliche feindl. Negativtendenzen eindeutig auf den Punkt gebracht; wiederholt konkret geäußerte Absicht eines Republikfluchttatbestands.“

Ein absolut witziges Buch und ein höchst kurzweiliges Lesevergnügen.

Rayk Wieland: "Ich schlage vor, dass wir uns küssen“, Roman, Kunstmann Verlag, 2009, gebunden, 208 Seiten, 17,90 €, ISBN: 978-3-88897-553-0

September 2009

Rotzfrech und unverschämt lustig

 

Manuela Golz: Gemeinsam sind wir unausstehlich

Von Kathrin Joosten (BU07b)

Westberlin Anfang der 80er Jahre. Monika ist fast 16 Jahre alt und will in ein paar Jahren ihr Abitur machen. Ihre Eltern sind die geborenen Spießer mit Klappsofa und Schrankwand inklusive. Auch "Mäuseschwänzchen“, ihre beste Freundin, träumt davon, nach dem Abitur Hausmütterchen zu werden. Ganz anders Monika! Ab und zu besucht sie ihren Bruder, der in Westdeutschland in einer Landkommune lebt, wo alles ganz anders ist. Da darf man als Frau auch mal männlich sein, der Weihnachtsbaum steht nicht in der Stube, sondern echt öko vor dem Haus, Polizisten haben keinen Zutritt und der Kaffee ist keine Ausbeuterbrühe, sondern wird fair gehandelt. Wieder zu Hause, geht Monika ihren Eltern mit allerlei Gedanken gehörig auf die Nerven. Mama soll sich mal überle­gen, wie sehr sie mit ihrem Haarspray zur Vergrößerung des Ozonlochs beiträgt, und die Monoga­mie gehört auch abgeschafft. Denn Monika kann sich nicht zwischen dem Berliner Bankersohn Ludger und Tom aus der Landkommune entscheiden: Beide haben nämlich ihre Vor- und Nachteile.

"Gemeinsam sind wir unausstehlich“ von Manuela Golz ist ein Buch mit enormem Lachfaktor. Auch wer den Vorgängerroman "Ferien bei den Hottentotten“ nicht kennt, kommt voll auf seine Kosten. Ein herrlicher Schmöker, der einen in die Zeit der bunten Klamotten und Schlaghosen ent­führt.

Manuela Golz: "Gemeinsam sind wir unausstehlich". Ullstein Taschenbuch 2009, 312 Seiten, 8,95 €, ISBN 978-3-548-28108-7

August 2009

Fairytale gone bad

John Connolly erzählt in seinem märchenhaften "Buch der verlorenen Dinge“ über die Ge­fahren des Erwachsenwerdens

Von Maike Kürten (BU08a)

Der zwölfjährige David hat durch eine schwere Krankheit seine Mutter verloren, die ihm immer ge­zeigt hatte, wie schön die Welt der Ge­schichten ist. Da aber die Erinnerungen an sie untrennbar mit dem Lesen verbunden sind, liest David auch nach Mutters Tod viele der Bücher, die ihr gehört ha­ben. Irgend­wann kann er hören, wie sie nach ihm rufen, und damit fängt der ganze Ärger an. Als er eines Nachts auch noch die Stimme seiner Mut­ter hört, geht er hinaus in den Garten und landet ur­plötzlich in einer ganz anderen Welt: in der Welt des krummen Mannes. Um wieder nach Hause zu gelangen, muss David sich nun auf den Weg zum Schloss des Königs machen, denn der hat ein ge­wisses Buch: das Buch der verlorenen Dinge. Mit dem hofft David wieder nach Hause zu kommen.

Die Zeit, die David in jener Welt verbringt, ist die aufregendste und lehrreichste sei­nes Lebens. Sein Weg führt ihn durch viele Gefahren, und er trifft zahlreiche Gestalten, die man aus Märchen kennt. "Das Buch der verlorenen Dinge“ schildert eine schauderhaft-fantastische Reise ins Erwachsenwer­den: In der Gewaltsamkeit und Derbheit seiner Schilderungen für Kinder eher weniger geeignet, ist es so etwas wie ein Märchen für Erwachsene über Liebe und Verrat, Eifersucht und Mut, und es ist einfach toll, Sagen, Märchen und Legenden wieder zu begegnen, die man ganz anders in Erinne­rung hatte.

John Connolly: "Das Buch der verlorenen Dinge“, Roman, List 2008, gebunden. 336 Seiten, 16,90 €, ISBN 9783471300053

Juli 2009

Eine falsche Wahrheit?

Adam Davies’  "Goodbye Lemon"

Von Lisa Hübscher (BU08a)

Als Jack fünf Jahre alt war, ist sein kleiner Bruder Dexter, genannt Lemon, im See ertrunken. Danach war für ihn nichts mehr wie zuvor. Niemand in der Familie redete seither mehr über Dexter, es war, als hätte es ihn nie gegeben. Auch Jacks Erinnerungen verblassen allmählich. Gleich nach der Schulzeit zieht er von zu Hause fort und kehrt  fünfzehn Jahre lang nicht zurück: Keinerlei Kontakt zu seinem Vater, nur sehr sporadischen zu seiner Mutter. Er versucht, alles hinter sich zu lassen, doch es gelingt ihm nie. Als Jacks Vater einen Schlaganfall erleidet, überredet ihn seine Lebensgefährtin Hahva, nach langen Jahren endlich wieder seine Familie zu besuchen. Widerwillig fügt er sich ihrem Wunsch. Die schmerzliche Aufarbeitung seiner Vergangenheit bringt wichtige Ereignisse ans Tageslicht. Und plötzlich ist gar nichts mehr so sicher, wie es aus der Sicht des Fünfjährigen scheinbar einmal gewesen war ...

Adam Davies erzählt in "Goodbye Lemon“ eine im Grunde tragische Geschichte.
Aber durch die wunderbar leichte Art des Autors zu schreiben wirkt sie nicht bedrückend, ja, ihr schwarzer Humor macht sie zu einer sehr unterhaltsamen Lektüre. "Goodbye Lemon“ ist eine sehr realitätsnahe und zugleich unglaublich schöne Erzählung ohne die kitschigen oder klischeehaften Züge gewisser Familien- oder Liebesromane. Und doch ist sie beides, Familien- und Liebesroman, wenn auch auf ganz eigene Art und Weise: ein Roman über eine schwere Vergangenheit und eine hoffentlich glücklichere Zukunft - und über das Verzeihen. 
Ein sehr lesenswertes Buch, das man nur wärmstens weiterempfehlen kann!

Adam Davies: "Goodbye Lemon", Diogenes Verlag, Roman, 2008, 352 Seiten,
21,90 Euro, ISBN: 9783257861761

Juni 2009

Hilflose Liebe zum skurrilen Vater

Erling Jepsens neuer Roman

"Die Kunst, im Chor zu weinen"

Von Maike Kürten (BU08a)

Der elfjährige Allan ist Sohn des örtlichen Milchmannes. Zusammen mit seinem Vater besucht er sämtliche Beerdigungen des Ortes, denn Vater hält Grabreden, die Allan mit seinem traurigen Blick wirkungsvoll unterstützt. So bringen sie gemeinsam die Anwesenden zum Weinen, und viele Trauergäste sind so gerührt von den beiden, dass sie daraufhin im Kaufladen der Familie einkaufen. Dann ist da aber noch die Sache mit Sanne, Allans Schwester, die nicht mehr zusammen mit ihrem Vater auf dem Sofa schlafen will. Was der Vater mit Sanne tut, versteht Allan nicht, er merkt nur, dass es dem Ansehen seines Vaters schaden würde, wenn dieses Geheimnis an die Öffentlichkeit gelangte. Vater ist nämlich erst vor kurzem in den Kirchenbeirat aufgenommen worden, und auch der Gemeinderat zeigt bereits Interesse an ihm. Um das Ansehen seines Vaters und der Familie zu stärken, stellt Allan eine Todesliste auf. Denn je eher Leute im Dorf sterben, desto früher kann sein Vater wieder eine seiner einträglichen Grabreden halten. Doch dann findet Allans Oma durch einen mysteriösen Brand den Tod, und Sanne wird in die Psychiatrie eingeliefert. Die familiäre Harmonie ist zerrüttet.  

Das aus der Perspektive Allans geschriebene Buch ist einfach und flüssig zu lesen. Oft schlägt man aber die Hände über den Kopf zusammen, weil man die Ansichten des Jungen in ihrer bodenlosen Naivität so bedrückend findet. Denn was sein Vater mit der Schwester abends auf dem Sofa macht, kann er ganz und gar nicht begreifen. Wenn er sieht, dass es seinem Vater schlecht geht, sagt er sogar zu Sanne, sie solle doch runter zu Vater aufs Sofa und ihn wieder fröhlich machen...

Eine wahrhaft abgründige Familiengeschichte, aber höchst lesenswert für alle Leser und Leserinnen, die eine anspruchsvolle und zugleich unkomplizierte Lektüre mögen.            

Erling Jepsen: "Die Kunst, im Chor zu weinen“, Roman, Suhrkamp Verlag 2008, kartoniert mit Klappenbroschur, 267 Seiten, 12,90 €, ISBN 9783518460306.


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